„Grüß Gott, Frau Pfarrerin“

– 50 Jahre Frauenordination in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg 2018

„Grüß Gott, Frau Pfarrerin“. So lautet der Titel eines Buches.

Sie ist immer ein bisschen sperrig, diese Anrede der Frau, die eben nicht die Frau vom Pfarrer ist, sondern die Frau Pfarrer selbst.

 Bild: Ordinationsfest Stuttgart 2018, zur Vergrößerung... Bild anklicken...

 

Selbst der Oberkirchenrat tat sich mit der Bezeichnung seiner Theologinnen anfangs schwer. 1930 genehmigte man die Anrede „Pfarrgehilfin“. 1937 erlaubte man eine Art Einsegnung der Theologinnen und versah sie mit der Anrede „Vikarin“. Alles war als Anrede denkbar, bloß nicht, dass man sie „Pfarrerin“ nannte! Denn es sollte doch deutlich werden, dass sie nur einen eingeschränkten Dienst hatten. Sie waren, trotz identischer Ausbildung, den Pfarrern bei- oder untergeordnet. Ihr Dienst sollte sich auf die Arbeit mit Frauen, Mädchen und Kindern beschränken. Sagen wir mal so: Die Pfarrgehilfinnen waren für die sehr arbeitsintensiven Arbeiten zuständig und für die Dinge, die nicht viel Ruhm und Ehre einbrachten. Gottesdienste, Gemeindeleitung oder Seelsorge waren den männlichen Kollegen vorbehalten.

Obwohl man 1932 Frauen zur Zweiten Kirchlichen Dienstprüfung zuließ, wurden sie nicht ordiniert, d.h., sie durften keine eigene Gemeinde leiten. 1938 sollte erstmals in der Pfarrgehilfinnenordnung das Beschäftigungsverhältnis der Pfarrerinnen im Pfarramt geregelt werden. Mit der Ehe schied die Pfarrgehilfin aus dem Amt aus. 1939 gab es ca. 15 Theologinnen in der Württembergischen Landeskirche. Sie hatten ein minimales Gehalt, die Landeskirche zahlte keine Sozialversicherungsbeiträge und sie mussten zölibatär, also unverheiratet, leben. Man lese und staune: Über 400 Jahre nachdem Martin Luther den Zölibat als gegen Gottes Ordnung verstoßend abgeschafft hatte!

Der zweite Weltkrieg brachte durch den Einzug von Pfarrern zur Wehrmacht einen enormen Pfarrermangel mit sich. Als aber auch Ruhe-standspfarrer und Laien die Lücken nicht mehr füllen konnten, ließ die Kirchenleitung schließlich zu, was ohnehin vielerorts aus der Not heraus schon praktiziert wurde: Sie erlaubte den Theologinnen zu predigen. Die Gemeinden selber hatten damit die wenigsten Schwierigkeiten. Es ist gewaltig, was diese Frauen in dieser Zeit geleistet haben. Eine Pfarrerin der ersten Stunde, Lenore Volz, berichtet: „Es gab Zeiten, in denen ich im Monat, […] bis zu 24 Gottesdienste gehalten habe, neben der ganzen Krankenhausseelsorge und allem, was sonst anfiel“.

Nach dem Krieg wurden die Theologinnen dann schnell wieder dienstlich in ihre Schranken verwiesen. Viele Pionierinnen haben es selber in ihrem Berufsleben nicht mehr erlebt, als vollwertige Pfarrerinnen angesehen und vergütet zu werden.

1948 wurde dann die erste Theologinnenordnung („Kirchliches Gesetz über den Dienst der Theologinnen“) der Württembergischen Landeskirche, nach erbitterten kontroversen Diskussionen über Gehalt, Titel und Grenzen des Dienstes der Theologinnen, verabschiedet. Dieses Gesetz sah in seiner Präambel jedoch noch immer vor, dass das geordnete öffentliche Predigtamt Aufgabe des

Mannes sei. Man argumentierte mit der Bibel und zog 1. Kor 14, 34 und 1. Tim 2,12 oder Eph 5 heran. Jesus habe eindeutig Männer ins Apostelamt berufen.

Bis zur Frauenordination war es noch ein weiter und für die Pionierinnen ein harter Weg mit weiterhin dienstlichen und persönlichen Einschränkungen, trotz gleicher Qualifikation. Auch sie und deren Unterstützer argumentierten mit der Bibel, mit Röm 12, also mit der paulinischen Konzeption von Kirche mit verschiedenartigen aber gleichwertigen Gliedern, oder mit Gal 3,28 (Hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr alle seid allesamt einer in Christus Jesus) und mit den Erkenntnissen der Reformation.

Vor 50 Jahren –  im November 1968 wurde eine Neufassung der Theologinnenordnung verab-schiedet. Der Dienst der Theologin und des Theologen sollten als gleichwertig angesehen werden. Das Gleichstellungsgesetz der Bundesrepublik von 1958 stellte auf bürgerlichem Boden die Weichen für diese Entwicklung im kirchlichen Bereich.

Es wurde in der Synode noch länger darüber gestritten, ob die Pfarrerin weiterhin nach der Eheschließung aus dem Dienst der Landeskirche ausscheiden soll, da Beruf und Familie für eine Frau nicht vereinbar seien. 1969 wurden die ersten Studentinnen ins Evangelische Stift in Tübingen aufgenommen. Erst das Pfarrergesetz von 1977 brachte die endgültige Gleichstellung von Männern und Frauen im Pfarramt.

Ich persönlich bin froh und dankbar, dass Frauen mutig genug waren, trotz erbitterter Widerstände und großen Erniedrigungen jahrzehntelang diese Rechte für die nachfolgenden Generationen zu erstreiten. Möge es uns nie allzu selbstverständlich werden.

Die Ordination von Theologinnen ins Pfarramt ist eine konsequente Folge aus den Überzeugungen der Reformation. Jeder Mensch hat durch Jesus Christus einen Zugang zu Gott. Alle Getauften sind ins Priesteramt berufen. Daher haben wir in der evangelischen Kirche Pfarrerinnen.

Herzliche Grüße

Ihre

Pfarrerin Petra Schautt

 

Quelle: Kress, Usula/ Rivuzumwami, Carmen (Hrsg.), Grüß Gott, Frau Pfarrerin, 40 Jahre Theologinnenordnung – Aufbruch zur Chancengleichheit, Stuttgart 2008.